Im Andenraum ist die Spiritualität nicht in Kirchen eingeschlossen. Sie liegt in der Erde unter den Füßen und in den Bergen am Horizont. Wer Peru verstehen will, muss zwei Wörter kennen: Pachamama und Apus – Mutter Erde und die Berggeister. Sie sind keine Metaphern. Sie sind Personen.

Pachamama – die Erde als Person

Pachamama kommt aus dem Quechua: pacha bedeutet „Welt“, „Zeit“ oder „Raum“, mama heißt „Mutter“. Sie ist nicht „die Natur“ im westlichen Sinn, also kein abstrakter Begriff für Wälder und Tiere. Pachamama ist die Erde selbst, als lebendiges Wesen mit einem Charakter. Sie ist nährend, geduldig, aber auch zornfähig. Wer sie respektlos behandelt – Müll in den Bergen liegen lässt, Wasser verschmutzt, Bäume ohne Bitte fällt – muss mit ihren Reaktionen rechnen.

Jede Mahlzeit beginnt in vielen Andenfamilien mit einem kleinen Tropfen Chicha oder Bier, der bewusst auf die Erde gegossen wird, bevor man selbst trinkt. Das ist die Ch’alla – die Erstgabe an Pachamama. Ein Schluck Gegenseitigkeit, bevor man nimmt.

Die Apus – die Berggeister

Über die hohen Bergketten der Anden wacht eine eigene Klasse von Geistern: die Apus. Jeder bedeutende Berg ist ein Apu, eine eigene Persönlichkeit mit Namen, Geschichte, Stimmungen. Manche sind väterlich, andere streng, wieder andere verspielt. Der Apu Ausangate (6 384 m), der Apu Salkantay (6 271 m), der Apu Pachatusan und der Apu Wanakauri bei Cusco sind die berühmtesten.

Apus sind keine fernen Götter. Sie reden mit den Menschen. In den Anden gibt es bis heute Menschen – die Paqos oder Altomisayoq – die zu den Apus in Verbindung treten, sie um Rat fragen, ihnen Gaben bringen. Wer eine Wanderung im Hochland beginnt, hält an einer Apacheta – einem Steinhaufen am Wegrand – und legt einen weiteren Stein dazu. Mit dieser Geste grüßt man die Berggeister und bittet um sicheres Geleit.an nimmt.

Ayni – das Prinzip der Reziprozität

Im Zentrum der Andenphilosophie steht ein einziges Wort: Ayni. Es bedeutet „Gegenseitigkeit“, „heute du, morgen ich“. Pachamama, die Apus, die Vorfahren, die Mitmenschen – alles ist in einem Netz wechselseitigen Gebens und Nehmens verbunden. Wer von der Erde nimmt, gibt zurück. Wer um die Hilfe eines Apu bittet, bringt eine Gabe. Wer vom Nachbarn beim Hausbau Unterstützung erhält, hilft beim nächsten Bau zurück.

Pago a la Tierra – die Zahlung an die Erde

Die wichtigste Ritualform, in der diese Gegenseitigkeit körperlich wird, ist der Pago a la Tierra oder Despacho – die „Zahlung an die Erde“. Dabei wird auf einem schönen Papier ein kunstvolles Mandala aus Gaben gelegt: Cocablätter in dreigliedrigen Bündeln (k’intus), weiße Maiskörner, Wein, Süßigkeiten, Lamafett, Glitzer, kleine Figürchen aus Zuckerguss, manchmal ein Lama-Fötus. Das Ganze wird eingewickelt, im Feuer verbrannt oder in der Erde vergraben.

Ein Despacho ist keine Bitte um etwas Bestimmtes. Er ist Dank – und gleichzeitig eine Auffrischung der Beziehung. Viele Andenfamilien machen mindestens einmal im Jahr im August, dem „Monat der Pachamama“, ein solches Ritual.

Was bedeutet das für uns?

Auch wer nicht in den Anden lebt, kann mit diesen Prinzipien arbeiten. Ein Schälchen Wasser auf dem Schreibtisch, ein Strauß frischer Blumen für ein Foto eines geliebten Berges, ein kurzes Innehalten beim ersten Schluck Kaffee am Morgen – all das sind kleine, ehrliche Gesten der Reziprozität. Sie verändern die Beziehung zur Welt, auch wenn keine Pyramide aus den Anden vor der Tür steht.

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