Wenn Wasser fließt, bleibt das Leben.
Hoch oben in den Anden von Huancavelica, dort wo die Luft dünn wird und der Himmel zum Greifen nah scheint, liegt Uchcu Machaypampa. Es ist ein Ort am Rand des Möglichen – auf über 4.000 Metern, wo die Sonne tagsüber nicht wärmt, sondern brennt, und wo es nachts bittersaltig kalt wird, sobald sie hinter den Gipfeln versinkt. Hier herrschen Bedingungen, die kaum ein Lebewesen erträgt: gleißende Höhenstrahlung, scharfe Winde, sauerstoffarme Luft, extreme Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht, fast tägliche Fröste und eine Vegetationsperiode, die kaum der Rede wert ist. Und doch ist dieser raue, scheinbar lebensfeindliche Landstrich seit Jahrhunderten Heimat – für Menschen, für Tiere, für eine Lebensweise, die anderswo längst verschwunden ist. ScienceDirect
In Uchcu Machaypampa leben zehn andine Familien seit Generationen im Einklang mit der Natur. Sie kennen jeden Hang, jede Quelle, jeden Wetterumschwung. Ihr Wissen wurde nicht in Schulen gelehrt, sondern von Großeltern an Eltern und von Eltern an Kinder weitergegeben – ein lebendiges Erbe, das so alt ist wie die Berge selbst. Im Zentrum dieses Lebens stehen ihre Alpakas.
Mehr als Tiere – eine ganze Welt
Für die Familien von Uchcu Machaypampa sind die Alpakas weit mehr als Nutztiere. Sie sind Lebensgrundlage, Tradition und kulturelles Erbe zugleich. Ihre feine Wolle ist Einkommen und Wärme. Ihr Fleisch ist Nahrung. Ihr Rhythmus – das Wandern über die Hochebenen auf der Suche nach Futter, das Scheren, das Behüten der Jungtiere vor Kälte und Raubtieren – gibt dem ganzen Jahr seine Struktur. Wer die Alpakas verliert, verliert nicht nur ein Einkommen. Er verliert ein Stück Identität, eine Sprache des Zusammenlebens mit den Bergen, die kaum in Worte zu fassen ist.
Heute kämpfen 400 Huancaya-Alpakas täglich um sauberes Wasser. Was lange selbstverständlich war, ist es nicht mehr.
Das unsichtbare Herz der Hochanden: die Bofedales
Um zu verstehen, was hier auf dem Spiel steht, muss man die Bofedales kennen – die Hochlandmoore der Anden. Diese torfbildenden Feuchtgebiete liegen in den tropischen und subtropischen Anden in Höhen von etwa 3.200 bis 5.000 Metern. Sie entstehen in flachen Bereichen rund um Tümpel und Bäche und nehmen das knappe Wasser aus Schnee, Gletscherschmelze und Regen auf, speichern es im Boden und geben es langsam wieder ab. Man kann sie sich wie riesige natürliche Schwämme vorstellen: grüne Infrastruktur, die Wasser auffängt, hält und dosiert freigibt – mitten in einer Landschaft, die ringsum trocken und braun ist. Springer + 2
Diese Moore sind die Speisekammer der Alpakas. Über mehr als zwei Jahrhunderte haben andine Hirtenfamilien kleine Bewässerungskanäle angelegt, um die Bofedales zu erhalten und auszuweiten. Und es gibt eine bemerkenswerte Harmonie zwischen Tier und Land: Die weichen, kissenartigen Füße der Alpakas zerstören die empfindlichen Moore weit weniger als die scharfen Hufe von Schafen. Was die Tiere fressen, halten die Familien durch ihre Pflege am Leben. Solange Wasser fließt, bleibt dieses Gleichgewicht bestehen. BioOneBioOne
Ein Gleichgewicht, das ins Wanken gerät
Doch der Klimawandel und zunehmende Trockenheit bedrohen dieses fragile Gleichgewicht. Was sich über Jahrhunderte eingependelt hatte, gerät in wenigen Jahrzehnten aus den Fugen.
In den hohen peruanischen Anden erleben Alpaka-Gemeinschaften, wie ihre Gletscher schmelzen – Folge einer sich erwärmenden Welt und immer häufigerer, unvorhersehbarer Dürren. Die Gletscher waren über Generationen die stille Wasserbank der Hochanden: Sie froren in guten Zeiten ein und gaben in trockenen Monaten verlässlich nach. Doch die fortschreitende Schmelze und immer längere Dürreperioden lassen all diese Wasserquellen versiegen. Was einst zuverlässig kam, kommt heute zu wenig, zu spät oder gar nicht mehr. MongabayMongabay
Hinzu kommt das Wetterphänomen El Niño, das die Lage weiter verschärft. Es bringt manchen Regionen heftige Regenfälle, anderen jedoch Dürre – und die Hochanden gehören zu den Verlierern. In Peru wurden zwischen 2019 und 2022 in Dutzenden Bezirken 674 Dürre-Notstände ausgerufen. Die Regenzeit verschiebt sich, wird unberechenbar; die Trockenzeit dehnt sich aus. Für eine Lebensweise, die vollständig vom Rhythmus des Wassers abhängt, ist das existenzbedrohend. The New HumanitarianThe New Humanitarian
Wenn das Wasser fehlt, beginnt das Sterben
Ohne verlässliche Wasserquellen drohen Krankheiten, Austrocknung und der Verlust jahrhundertealter Lebensweisen. Und das ist keine ferne Möglichkeit – es geschieht bereits.
Die Folgen treffen zuerst die Tiere, und sie treffen sie hart. Selbst die überlebenden Alpakas leiden unter dem Klimastress: Bei Dürre oder Frost wächst das Vlies nicht oder nur unregelmäßig, die Qualität der Wolle nimmt ab – und damit das wichtigste Einkommen der Familien. In Huancavelica hat sich die Alpaka-Sterblichkeit über die Jahre mehr als verdoppelt, trächtige Tiere verlieren ihre Jungen. Für Menschen, deren ganzes Leben darauf beruht, ihre Herden am Leben zu halten, ist jeder Verlust ein doppelter Schlag: ein wirtschaftlicher und ein zutiefst menschlicher. WelthungerhilfeKimmacquarrie
Was den Tieren widerfährt, trifft am Ende die Familien. Hirten in Huancavelica nennen den Wassermangel als ihr Hauptproblem: Wenn extreme Bedingungen Gras und Trinkwasser ausbleiben lassen, gibt es nichts mehr, wovon die Alpakas leben können. Versiegt das Wasser, vertrocknen die Bofedales. Vertrocknen die Bofedales, verschwindet das Futter. Verschwindet das Futter, sterben die Alpakas. Und mit ihnen droht eine ganze Kultur zu verschwinden – Wissen, Sprache, Handwerk, eine über Jahrhunderte gewachsene Beziehung zwischen Mensch und Berg. Kimmacquarrie
Die Antwort liegt im alten Wissen
Und doch ist diese Geschichte keine Geschichte der Hoffnungslosigkeit. Denn die andinen Gemeinschaften besitzen etwas Kostbares: das überlieferte Wissen, wie man Wasser nicht nur nutzt, sondern sät und erntet.
Als Antwort auf schmelzende Gletscher und unzeitige Dürren besinnen sich Gemeinschaften auf eine uralte Praxis – die „Saat und Ernte des Wassers“. Dabei werden Bofedales gezielt angelegt und gepflegt, Wasser über Kanäle aus Bächen oder aus künstlich angelegten Teichen, den sogenannten Qochas, in die Flächen geleitet, damit mehr Vegetation wächst – Futter für die Herden. In einer Region Perus wuchs ein solches Moor durch diese Praxis über 30 Jahre hinweg um durchschnittlich zwölf Hektar pro Jahr. Es funktioniert. Peru hat diese Methode 2016 sogar mit einem nationalen Umweltpreis ausgezeichnet, und zwischen 2017 und 2022 wurden landesweit 1.482 Qochas gebaut – ein großer Teil davon in Regionen wie Huancavelica, Apurímac, Cusco und Ayacucho. Mongabay + 3
Das bedeutet: Wo Menschen heute eingreifen, wo Wasser zurück in die Landschaft gebracht wird, kehren auch die grünen Moore zurück, kehrt das Futter zurück, kehrt das Leben zurück. Der Schwamm der Anden lässt sich heilen – wenn man ihn pflegt, bevor es zu spät ist.
Darum geht es
In Uchcu Machaypampa entscheidet sich an einer einzigen, einfachen Frage, ob diese zehn Familien und ihre 400 Huancaya-Alpakas eine Zukunft haben: Fließt das Wasser?
Sicheres, verlässliches Wasser bedeutet hier nicht Komfort. Es bedeutet gesunde Tiere statt kranker. Es bedeutet wachsende Vliese statt ausbleibender Wolle. Es bedeutet Kinder, die das Wissen ihrer Großeltern weitertragen, statt einer Gemeinschaft, die sich zerstreut und ihre Heimat verlässt. Es bedeutet, dass eine der ältesten Lebensweisen der Anden nicht in unserer Generation endet.
Wenn Wasser fließt, bleibt das Leben. Es ist so einfach – und so dringlich – wie dieser eine Satz.
